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Vorstellungsrede der Kandidierenden: Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh

„Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr verehrte Synodale, meine Damen und Herren!

Ich danke Ihnen herzlich, dass ich mich heute vor dieser Wahlsynode als Kandidat für das Amt des Landesbischofs vorstellen darf.

Was bringe ich mit?

1. Ich bin 55 Jahre alt, seit 33 Jahren sind meine Frau und ich gemeinsam auf dem Weg, auch theologisch. Wir haben drei erwachsene Kinder.

Aufgewachsen bin ich in Fulda, in einer damals gerade neu gegründeten Gemeinde. Seither begleiten mich drei Erfahrungen mit Kirche, die ich gerne weitergeben will:

• Die Gemeinde hat mir und vielen anderen Ehrenamtlichen etwas zugetraut; deshalb haben wir uns engagiert.

• Sie lebte aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Menschen, die sich füreinander interessierten.

• Die Gemeinde prägte das Gesicht des Stadtteils, sie war öffentliche Kirche.

Ich habe dann mit Freude Theologie studiert. Theologie ist für mich eine lebendige und kommunikative Wissenschaft. Sie steht im Austausch mit anderen Wissenschaften. Sie hilft der Kirche, das Evangelium in unserer Zeit weiterzusagen und die Fragen und die Zweifel der Menschen ernst zu nehmen.

Der Wechsel zwischen Wissenschaft und Praxis, zwischen Kirche und Öffentlichkeit lässt mich seitdem nicht los. Ich habe über Gottesdienstreformen in einer sich verändernden Welt promoviert und über die heutige Bedeutung der Predigt habilitiert.

Ich bin überzeugt: Das Miteinander von theologischer Wissenschaft und Kirche ist eine besondere Stärke des evangelischen Glaubens. Sie hilft uns zwei Irrwege der Religion zu vermeiden: die Entweltlichung und den Fundamentalismus.

2. Ich war und bin gerne Pfarrer in einer lebendigen Volkskirche. Konfirmandenunterricht z.B. hat mir immer Spaß gemacht, weil ich die Fragen der jungen Menschen spannend finde, weil ich staune, wie ernsthaft sie das Beten erproben und mit welchem Schwung sie sich für Schwächere engagieren.

Als Pfarrer war ich Teil einer Gemeinde, die sich bemühte, das Evangelium zu kommunalisieren. Der Besuchsdienst ging in die Häuser; wir kooperierten mit der Schule; es gab einen Mittagstisch für Einsame und Bedürftige; das Gemeindefest war ein Dorffest gemeinsam mit allen Vereinen. Das Evangelium sollte in der Lebenswelt ankommen. Da gehört es hin!

Schade fand ich, wenn sich in Debatten um den Weg der Kirche ein großes Noch wie ein grauer Schleier über alles legte. Dann hieß es: „Noch haben wir viele Mitglieder, Gebäude, Geld.“ Meine Erfahrung ist anders: Evangelischer Glaube und evangelische Kirche haben heute und in Zukunft etwas zu sagen; sie finden Gehör, wenn sie sich auf ihre theologischen und geistlichen Grundlagen konzentrieren und mutig in die Lebenswelt aufbrechen.

3. Ich habe Leitungserfahrungen gesammelt auf den verschiedenen Stationen meines beruflichen Weges.

Volkskirche braucht klare Verantwortlichkeiten. Wer ein Predigerseminar leitet, muss wissen, was heute an den Universitäten diskutiert wird und muss Kirche dort repräsentieren. Deshalb habe ich mich eingemischt, als sich die Hochschullandschaft im Zuge des Bologna-Prozesses veränderte oder islamische Fakultäten eingerichtet wurden. Wenn wir öffentliches Gewicht haben wollen, müssen wir in der EKD in solchen Fragen mit einer Stimme sprechen.

Volkskirche braucht klare, zukunftsfähige Strukturen; deshalb sind die Debatten um Haushalte, Gebäude und Personal wichtig. Ich habe in Hofgeismar erlebt, dass wir liebgewordene Bestände aufgeben mussten, damit ein zukunftsfähiges neues Bildungszentrum entstehen kann.

Reformen gelingen, wenn wir unterschiedliche Interessen ernstnehmen und uns Zeit nehmen, um Wege zu suchen, die wir gemeinsam vertreten können. Aber dann gilt es auch zu entscheiden und den eingeschlagenen Weg zu gehen, pragmatisch, fehlerfreundlich, aber auch konsequent.

Bei all dem muss deutlich werden: Wir kreisen mit unseren Strukturdebatten nicht um uns selbst, sondern reagieren auf Veränderungen der Lebenswelt, damit die gute Nachricht heute und in Zukunft möglichst viele Menschen erreicht.

II. Wie will ich leiten?

1. „Was wollen Sie als Erstes tun, wenn Sie Landesbischof werden?“ Diese Frage habe ich in den letzten Monaten oft gestellt bekommen: in Interviews, von Studierenden, von Ältesten.

Ein neuer Landesbischof macht nicht alles anders. In der Leitung der Landeskirche wirken vier Verantwortliche zusammen: Sie als Landessynode, der Landesbischof, der Evangelischer Oberkirchenrat und der Landeskirchenrat. Wichtig ist mir ein konstruktives, verlässliches, vertrauensvolles Miteinander.

Zugleich hat jedes Leitungsorgan seine spezifische Aufgabe im Gegenüber zu den anderen: Der Landesbischof vertritt die Landeskirche nach außen im öffentlichen und kirchlichen Leben. Nach innen ist er oder sie in besonderer Weise für das Miteinander verantwortlich.

Mir ist es wichtig, eine Kultur zu fördern, in der sich die Leitungsorgane gegenseitig etwas zutrauen. Und ich möchte dafür eintreten, dass Menschen und Gemeinden vor Ort spüren: die Kirchenleitung dient uns!

2. Die Grundordnung nennt als Aufgaben des Landesbischofs: beraten und be-lehren, ermutigen und trösten. In allen vier Verben geht es darum, in Beziehung zu treten, mit anderen zu handeln und ihnen Orientierung zu geben.

Beraten heißt zuhören und genau hinschauen. Und dann miteinander überlegen: Wie gestalten wir Kirche so, dass Christus in unserer Welt Gestalt gewinnt?

Belehren meint kein Von-Oben-herab, aber eine Konzentration auf Theologisches und Geistliches. Wie richten wir uns und unser Handeln an Gottes Wort aus?

Ermutigen möchte ich dazu, sich den heutigen Veränderungen zu stellen und konstruktiv mit ihnen umzugehen.

Schließlich trösten: Wir strengen uns an, organisieren, versuchen zu helfen und am Ende heißt es dann manchmal nur lapidar wie in der Geschichte von der Heilung des besessenen Knaben (Lukas 9,40): „und sie konnten es nicht.“ Gerade dann aber gewinnt Christi Geist unter uns und mit uns Gestalt, denn seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

3. Leiten heißt: in Beziehungen handeln! Aber Leiten in der Kirche heißt vor allem auch: sich leiten lassen! Deshalb halten wir regelmäßig inne, beten und feiern Gottesdienst. Wir lassen los, hören auf Gottes Wort und auf unsere Geschwister und legen Verantwortung zurück in die Hände von Christus.

Dazu brauchen wir einander: als einzelne Christinnen und Christen und als Gremien, die einander stärken und füreinander bitten. Die Barmer Theologische Erklärung hat das Führerprinzip nicht nur gegen den Nationalsozialismus abgelehnt, sondern weil sie er- und bekannt hat: nur in gemeinsamer Verantwortung und im konstruktiven Austausch lässt sich Kirche evangelisch leiten.  

III. Wo sehe ich Schwerpunkte?

1. Die badische Landeskirche ist eine Volkskirche. Sie verkündigt das Evangelium in der Öffentlichkeit. Sie bleibt nicht unter sich oder beschränkt sich auf einige Milieus. Es geht um die Menschen, die Gott uns anvertraut, zwischen Wertheim, Lörrach und Konstanz. Es geht um die Nahen und die Fernen; es geht darum, ihre Hoffnung zu stärken und ihnen Mut zu machen, ihren Glauben ins Leben zu ziehen.

Ich will das am Begriff „Priestertum aller Glaubenden“ verdeutlichen. Martin Luther hat damit nicht gemeint, dass alle Getauften in der Kirche und in Gruppen engagiert sein müssen. Er hat von der Bewegung Gottes in die Welt her gedacht. Der Gottessohn kommt in der Krippe zur Welt. Jesus geht auf die Straßen, in die Häuser und vor die Tore, bis ans Kreuz. In diese Bewegung zu den Menschen sind wir mit der Taufe gestellt.

Wir freuen uns an schönen Gottesdiensten, so wie auf dem Chorfest in Pforzheim: 4000 Menschen singen zusammen und feiern gemeinsam Abendmahl, biblische Zahlen! Am Ende gehen sie gestärkt wieder in ihren Alltag. Dort verkündigen sie in ihrem normalen Leben und Beruf, als Mutter oder Vater, als Informatiker, Verkäufer oder Ärztin ihren evangelischen Glauben. Priestertum aller Glaubenden heißt: Evangelische Kirche traut allen Getauften zu, dass sie in ihrem Alltag das Evangelium weiter geben. Sie dabei zu unterstützen ist eine unserer zentralen Aufgaben.

2. Die Lebenswege der Menschen werden vielfältiger, die Bindungen an Vereine, Gewerkschaften, auch an die Kirche werden lockerer. Viele Organisationen reagieren auf diesen Trend mit besonderen Angeboten und Events. Sie lenken ihre Finanzströme in befristete und innovative Projekte. So lassen sich Akzente setzen und mediale Aufmerksamkeit gewinnen.

Für die Kirche scheint mir dieser Weg nur dann sinnvoll, wenn das Besondere an den Kern anschließt, wenn das Event und die verlässliche Präsenz bei den Menschen eng verbunden bleiben. Beispielhaft ist das für mich mit den Tauffesten im Jahr der Taufe gelungen. Zwar brauchte es nicht nur in Karlsruhe Regenschirme gegen die Wasserfluten von oben, trotzdem haben viele die Einladung angenommen und sich oder ihre Kinder taufen lassen und sich an ihre Taufe erinnert. Das besondere Angebot und der Grundvollzug des Glaubens haben sich gegenseitig gefördert!

Unsere Stärke liegt im konzentrierten und verlässlichen Dienst vor Ort: in Gemeinden, Schulen oder diakonischen Einrichtungen, auch an besonderen Orten: in der Notfallseelsorge, der Flüchtlingsberatung, in der Telefonseelsorge. In der Lebenswelt ankommen, das Evangelium kommunalisieren, das hat aus meiner Sicht Priorität.

Glaube vor Ort sieht in einer Klinik anders aus als in einer Gemeinde im kleinen Wiesental oder in der Citykirche in der Mannheimer Innenstadt. Als Landeskirche brauchen wir diese Unterschiedlichkeit um der Menschen willen. Zugleich aber müssen wir alles dafür tun, uns gegenseitig nicht aus den Augen zu verlieren. Denn lebendig ist die Kirche, wenn die für ihr hohes musikalisches Niveau bekannte Kantorei in der Vesperkirche singt oder wenn die Konfirmandinnen und Konfirmanden mit den Pflegebedürftigen in einer diakonischen Einrichtung Mensch-ärgere-dich-nicht spielen. Solche Begegnung erzeugt oft Reibung, aber Reibung bedeutet auch Wärme und Leben.

3. Viele Menschen in unserer Gesellschaft bewegen sich zunehmend in festen Segmenten. Immer seltener begegnen sich Arme und Reiche, Gebildete und weniger Gebildete. Der Leib Christi aber entfaltet seine Kraft erst, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft und Bildung, verschiedenen Geschlechts und Alters zusammenkommen. Im Reich Gottes werden wir an einem Tisch sitzen – und die Schwachen und die Fremden werden einen Ehrenplatz daran haben.

Wir werden an diesem Tisch Gottes miteinander auch über die Ökumene reden: traurig, wie lange Ehepaare mit verschiedener Konfession sich auf ihrem Weg zum Abendmahl haben trennen müssen. Mit einem Kopfschütteln, was uns alles am Miteinander gehindert hat. Aber auch mit einem vergnügten Augenzwinkern, dass vieles möglich war, gerade in Baden.

Mir ist es wichtig, die Ökumene weiter zu pflegen und konsequent zu fragen: was können wir gemeinsam tun? Das sollten wir dann auch nicht länger alleine machen! Wenn wir diesen Weg gehen, z.B. auch mit den Gemeinden anderer Herkunft und Sprache, strahlt das in die Öffentlichkeit aus.

Kulturelle und religiöse Vielfalt sind Normalität, nicht nur in unseren Städten. Wir müssen Begegnungen mit anderen Religionen ermöglichen. Wir müssen dabei auch über Werte streiten. Wir brauchen aber in jedem Fall mehr Miteinander. Dazu ist es gut, dass wir z.B. mehr Lehrvikarinnen und Gemeindediakone mit einer anderen Herkunft ausbilden.

4. Menschen bewegen die Landeskirche, ob sie beruflich oder ehrenamtlich tätig sind. In diesen Wochen lassen sich viele als Älteste aufstellen; sie sind bereit für eine heute schon ungewöhnlich lange Zeit Leitungsverantwortung zu übernehmen. Andere engagieren sich regelmäßig im Kindergottesdienst oder in der Seniorenarbeit. Manche setzen neue Akzente: für die Touristen in der Radfahrerkirche in Hörden oder gegen Kinderarmut in der Kindervesperkirche in Mannheim.

 

Die evangelische Kirche lebt aus dem Miteinander der verschiedenen Dienste, das in die Öffentlichkeit ausstrahlt; wenn es gelingt, aber auch mit seinen Konflikten. Grundlegend für die Zukunft unserer Landeskirche wird sein, dass wir einander wechselseitig etwas zutrauen. Und dass wir in allen Aus- und Fortbildungen auf ein gutes und offenes Miteinander von beruflich und ehrenamtlich Tätigen achten, dass wir Kooperation und Kollegialität stärken, Teamfähigkeit und die Kompetenz, konstruktive Rückmeldungen zu geben und zu hören.

 

 

5. Die Volkskirche ist eine öffentliche Kirche! Die Barmer Theologische Erklärung hat es uns eingeprägt: Verkündigung des Evangeliums heißt auch, theologisch begründet Stellung zu Fragen der Zeit zu nehmen.

 

Wir müssen nicht zu allem etwas sagen, auch ein Landesbischof nicht, aber die badische Landeskirche steht mit ihrer Botschaft und mit ihrer Ordnung ein für ein Leben im Geist Christi.

 

Vieles lässt sich hier nennen, auch wenn es nur wie ein Samenkorn wirkt, das wir in die Erde legen: Sie als Landessynode entwickeln eine neue verbindliche friedensethische Perspektive. Dass daran so viele beteiligt sind, ist in sich schon Ausdruck einer friedensethischen Grundorientierung. Beispielhaft finde ich auch, Nachhaltigkeit und ökologische Maßnahmen nicht nur politisch von anderen Akteuren zu fordern, sondern sich selbst zu verpflichten und wie beim grünen Gockel vor Ort klare Schritte zu gehen. Und mit der Werkstatt Ökonomie versucht eine Heidelberger Institution, Firmen zu überzeugen, in ihren ausländischen Produktionsstätten menschenrechtliche Standards etwa in der Spielzeugproduktion einzuhalten.

Wir sind vor Ort, nah bei den Menschen. Sie trauen uns etwas zu und erwarten Wegweisung. Sie hoffen, dass wir nicht im eigenen Interesse reden, sondern im Namen des dreieinigen Gottes, dessen Reich auf uns zukommt. Wir haben die Zukunft nicht in unserer Hand, aber wir haben Gottes Zusage: „Mein Wort wird nicht leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ (Jesaja 55, 11) Darauf können wir gemeinsam bauen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“