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Vorstellungsrede der Kandidierenden: Dr. Kerstin Gäfgen-Track

„Frau Präsidentin, hohe Synode, meine Damen und Herren!

Zuallererst möchte ich mich herzlich bedanken, dass Sie mir die Kandidatur für das Amt der Landesbischöfin der badische Landeskirche angetragen haben. Ich war überrascht und fühle mich sehr geehrt.

Sie haben um mich eine Vorstellung gebeten. Also frei nach David Precht „Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?“ Beim Nachdenken komme ich auf sieben - als Frauen sind wir ja angeblich Talente im Multitasking.

Erstens prägt mein Leben derzeit mein Beruf als Oberlandeskirchenrätin der Hannoverschen Landeskirche. Als Mitglied der Kirchenleitung bin ich seit mehr als 10 Jahren zuständig für Bildung, Schule, Kinder, Jugend und Gleichstellung. Schwerpunkte waren in den letzten Jahren etwa Schulgründungen, die Erarbeitung eines Gleichstellungsgesetzes und große Foren für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte oder Studierende. Besonders liegt mir immer wieder am Diskurs aller kirchenleitenden Organe um gemeinsame Grundlinien und Entscheidungen. Dazu gehört für mich der kontinuierliche Dialog mit unserer Landessynode. So sind die Mitglieder des Bildungs- und des Landessynodalausschusses meine ständigen Gesprächspartnerinnen und -partner, und gemeinsam bewegen wir viel. Sechs Jahre war ich selbst Mitglied der EKD Synode und kenne von daher gut die synodale Perspektive. Außerdem vertrete ich die Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen in Bildungsfragen gegenüber dem Land und nehme öffentlich dazu Stellung. Dafür halte ich auch viele Vorträge zu verschiedenen aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Themen. Meine Arbeit macht mir insgesamt viel Freude.

Zum Zweiten bin ich natürlich auch Privatmensch. Die Lieblingsorte meiner Kindheit in Wiesbaden waren der Garten meiner Großeltern um das Haus und der große Schrebergarten. Von diesem konnte ich den Rhein sehen; diesen Anblick gibt es auch in Mannheim, Karlsruhe oder Schloss Beugen. Der Garten ist bleibend für uns als Familie in der Stadt ein Ort der Sehnsucht nach dem Land. Deshalb freue ich mich sehr an unserem Garten in Hannover, in den ich mit meinem Mann gerne Gäste einlade. Besonders schön ist es, wenn meine Nichte, unsere Neffen oder Patenkinder zu Besuch sind. Entspannung – und gute Ideen - finde ich schnell beim Joggen, Kochen und Lesen.
So habe ich zwischen den Jahren den Roman „Das Leben des Pi: Schiffbruch mit Tiger“ gelesen. Vielleicht haben Sie auch die grandiose Verfilmung gesehen. Pi erzählt darin seine Geschichte in zwei Versionen. Seine beiden Zuhörer sollen entscheiden, welche Geschichte die bessere sei. „Die Geschichte mit Gott ist die bessere!“, ist Erkenntnis- und Glaubenssatz des Pi. Ich selbst kann mir mein ganzes Leben ohne den Gott, der in Jesus Christus Mensch wurde, nicht vorstellen, auch wenn ich manchmal an ihm zweifele, ihn suche oder viele Fragen an ihn habe.

Drittens bin ich leidenschaftliche Pfarrerin. Mein Konfirmationsspruch hat meine Grundhaltung im Beruf geprägt: „Wir verkündigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als unseren Herrn!“ (2. Kor 4,5) Als 14-Jährige habe ich seine tiefe Bedeutung noch nicht begriffen, aber seit meinem Theologiestudium ist dieser Spruch mein „mission statement“, Leitlinie meines Denkens und Handelns. Er macht mir zugleich bewusst, dass ich es nicht bin, die Glauben weckt oder Kirche gestaltet. Doch auch ich habe meinen Beitrag dazu zu leisten. Genau dies macht den Pfarrberuf zu einer so besonderen Herausforderung in einer Gesellschaft, die Menschen über Zahlen, Fakten und Leistungen definiert. Alle kirchlichen Berufe sind starke Berufe, und wir brauchen neue überzeugende Wege zur Nachwuchsgewinnung. Ebenso sind wir zur Fürsorge für alle Mitarbeitenden und fairer Zusammenarbeit mit ihren gewählten Vertretungen verpflichtet.
Während meines achtjährigen Dienstes in Herrieden in der Nähe von Ansbach oder meiner halbjährigen Tätigkeit in New York habe ich Gemeinde konkret erleben dürfen auf eine völlig unterschiedliche, dennoch jeweils gute Weise. In New York gibt es Gemeinden, die während der Woche ihre Kirche zu einer Suppenküche oder einem medizinischem Zentrum umfunktionieren: Gerechtigkeit schaffen, ist ihr Thema. Meine Gemeinde in Herrieden, die viele kleine Dörfer umfasste, hat sich als eine bewusst evangelische in einem tief katholischen Umfeld verstanden. Hier habe ich Ökumene von Grund auf gelernt und gelebt.
Besonderen Wert lege ich grundsätzlich zum einen auf Gottesdienst und Predigt. Dabei ist mir sehr bewusst, welche Bedeutung die Kirchenmusik nicht nur für das Gelingen von Gottesdiensten hat. Eine Kirche voller Gesang ist wunderbar. Zum anderen habe ich bis heute einen Schwerpunkt in der Seelsorge. Wie wichtig Seelsorge ist, erlebe ich durchaus im Kontakt Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften, Mitarbeitenden in den Ministerien oder Abgeordneten. Gerade beim Umgang mit Trennung, Krankheit und Tod bewegt mich, wie unser Glaube Menschen Halt und Orientierung geben kann. So hat mir auf einer großen Tagung für Förderschulleitungen ein Ministerialbeamter auf dem Weg zum Pult eine Traueranzeige zugesteckt. Er bat mich, zum Tod dieses Kollegen etwas Tröstliches zu sagen, vielleicht auch zu beten. Dieses für alle unvorbereitete Totengedenken hat intensive Gespräche über Gott, Leben und Sterben ausgelöst. Menschen erwarten von uns als Kirche, dass wir gerade, aber nicht nur in Grenzsituationen des Lebens eine Sprache des Glaubens finden - gerne fränkisch oder alemannisch gefärbt.

Zum Vierten bin ich mit viel Herzblut Theologin. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist es, mit sehr unterschiedlichen Menschen über Gott und die Welt zu reden, und gerade so gemeinsam Theologie zu treiben. In New York hatte ich als Gastprofessorin die Chance, theologisch intensiv zu arbeiten am Union Seminary. Dort reifte der Entschluss Dietrich Bonhoeffers, sich in Deutschland aktiv am Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu beteiligen: Übermorgen werden wir wieder des 20. Juli 1944 gedenken; ein auch für uns als
Kirche sehr wichtiges Datum. Handeln vom Evangelium her kann immer wieder unabhängig davon, ob im ländlichen Raum Südbadens oder im städtischen Raum wie Freiburg, Widerstand und Einsatz gegen Armut, gegen unsolidarische oder sogar undemokratische Verhältnisse verlangen. Heute wird Nelson Mandela 95 Jahre alt; er hat sehr mutig sein Christsein gelebt. Um das Widerständige und um die „Torheit des Kreuzes“ kommen wir alle nicht herum, so sehr wir uns das gesellschaftlich manchmal ersparen wollen. Gegen den Strom schwimmen, ist anstrengend, aber unverzichtbar. Jesus war nicht der Mann des Mainstream. Wir dürfen es deshalb auch nicht sein.
Untrennbar gehören zum theologischen Profil von Kirche Auseinandersetzungen um die angemessene Weise christlicher Existenz heute. In der Diskussion über die neue Orientierungshilfe der EKD zur Familie sei angemerkt: es ist nicht der Punkt, ob evangelische Kirche und Theologie erneut dem Zeitgeist hinterherlaufen oder sich nicht genügend von der Welt distanzieren. Es geht vielmehr darum, wie von der Richtung und Linie des Evangeliums her die unterschiedlichen Beziehungen so gelebt werden, dass sie vor Gott verantwortet und lebensdienlich sind. Für mich sind christliche Ehe und Familie ein Erfolgsmodell, von dem her - teilweise auch gesellschaftlich - die Kriterien für andere Formen von Lebensgemeinschaften gewonnen werden: Treue, Verlässlichkeit, Dauerhaftigkeit, Fürsorge und wenn Kinder da sind, dann gemeinsame Verantwortung für diese. Zwischen Ehe und Lebensgemeinschaften ist zu differenzieren, aber wenn sie sich jeweils an den oben genannten Kriterien orientieren, sind sie zu bejahen. Glaube bewährt sich nicht in der Distanz zur Welt, sondern indem er sehr differenziert mitten im Alltag gewagt, gelebt und verantwortet wird. Er hält seit den Anfängen der Kirche unterschiedliche Lebensentwürfe aus. Vielfalt bejahen und mit Spannungen konstruktiv umgehen, ist gut evangelisch – und ökumenisch gesinnt.
Fünftens bin ich auch als Christin Bürgerin. Das Verhältnis von Christengemeinde und Bürgergemeinde beschäftigt mich, seit ich im Studium die Schriften von Martin Luther und Karl Barth gelesen habe. Die Geschichte der badischen Kirche ist auch geprägt vom Verhältnis von Staat und Kirche. Die badische Union ist nicht ohne die politische Mitwirkung und Zustimmung des Großherzogs, Ludwig I, zu denken. Es ist heute auch unsere Aufgabe, Kirche als Teil der Zivilgesellschaft angesichts eines sich zunehmend säkular verstehenden Staates zu begreifen und zu gestalten.
Gerade das übergemeindliche Engagement, z.B. in Diakonie und Bildung, verschafft der protestantischen Stimme öffentlich Gehör. Dabei sind Kirche und Diakonie gefordert, sich auf dem „Dritten Weg“ zu bewegen: zum Beispiel mit der Gewerkschaft das Gespräch suchen, die Frage des Mindestlohnes klären, aber auch eine neue Verhältnisbestimmung von Kirche und Diakonie auf Augenhöhe erarbeiten. Es gilt, den Öffentlichkeitsauftrag der Kirche umfassend wahrzunehmen in Verkündigung, in Diakonie und Bildung, im Eintreten für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Ihre Kirche greift mit dem Konsultationsprozess zur Friedensethik oder mit ihrem Engagement für die Energiewende diesen Auftrag konsequent auf. Für die Bürgergemeinde ist eine so agierende Christengemeinde unverzichtbar und umgekehrt.
Eine Journalistin hat mich kürzlich in diesem Zusammenhang gefragt, wie wichtig mir Themen wie Glaube und Frömmigkeit seien. Die Frage hat mich verwundert, da doch der Glaube für mich existentiell ist. Weil ich mich von Gott getragen weiß, kann ich wie andere Christinnen und Christen auch im Gespräch mit und im Handeln für andere meinem Glauben Gestalt geben. Dann kann ich von ihm konkret erzählen und andere zum Glauben einladen.
Eine der großen Herausforderungen sehe ich im Zusammenleben in einer multikultureller und multireligiöser werdenden Gesellschaft. Diese Fragen haben mich schon als Mitarbeiterin im bayerischen Missionswerk beschäftigt, als ich mit Stipendiaten aus den Partnerkirchen zum Beispiel Latein lernte oder dafür sorgte, dass ihre Kinder eingeschult wurden. Diese interkulturellen Begegnungen prägen mich bis heute.
Intensive Gespräche über Jesus Christus, Allah oder Krishna erlebte ich im Mai beim Besuch mit der Meißen Kommission der EKD in Leicester, in England. Dort sind nur noch 32% Christinnen und Christen; 40% Mitglieder anderer Religionen. Die Sinus Studie über Kirche in Baden-Württemberg erwartet eine solche Situation hier, von bestimmten Stadtteilen in den großen Städten abgesehen, nicht. Wenn aber bundesweit in den nächsten Jahren Millionen Menschen für die vorhandenen Arbeitsplätze fehlen, werden viele, die kommen, Mitglieder anderer Kirchen, vor allem aber anderer Religionen sein. Unsere Gemeinden brauchen hier neue Antworten auf die zunehmende gesellschaftliche Pluralität.

Dafür können wir von den Partnerkirchen lernen, wie das überzeugende Modell der Church of England zeigt: Gottesdienst feiern, diakonisch handeln sowie Dialog und Gemeinschaft der unterschiedlichen Menschen fördern. So Kirche konzentrieren und zum Leuchten bringen gerade mit dem Blick auf die anderen, die wir gewinnen wollen. Den Dialog führen und unsere Gemeinden öffnen; gerade so die eigene kirchliche Identität stärken. Dabei wäre gemeinsam die Frage anzugehen, wie wir in Stadt und Land an welchen Orten unter Beibehaltung welcher kirchlicher Gebäude bleibend präsent sein können.

Sechstens bin ich seit fünf Monaten nun Kandidatin für das Bischofsamt in Ihrer Kirche. Natürlich habe ich mich dafür mit der Geschichte Ihrer Landeskirche, der Grundordnung, auch Ihrem Haushaltsplan und nicht zuletzt mit dem Badener Lied befasst.
Die badische Kirchengeschichte lese ich als gelungene Geschichte einer Kirche, die entstanden ist, weil die Gemeinden mit der reformiert-lutherischen Pluralität kirchlicher Denk- und Lebensweisen konstruktiv umzugehen lernten. Die Bekenntnisse, die in der Grundordnung verbindlich gemacht sind, zeugen von evangelischer Sprachfähigkeit und ermöglichen sie bis heute. Persönlich finde ich mich als getaufte Unierte, aber dann in einer lutherischen Kirche groß geworden in den Bekenntnissen der badischen Kirche gut wieder.

Sie sind eine große Kirche geprägt von den ländlichen Regionen und den zahlreichen, unterschiedlich großen Städten. Wir brauchen kreative Überlegungen, wie wir als Kirche Menschen in beiden Räumen weiter Heimat bieten und dort verlässlich präsent bleiben. Für die unterschiedlichen Aufgaben und die vielfältiger werdenden Formen von Gemeinde können wir die evangelische Freiheit als Kapital für die Veränderung nutzen und brauchen dazu Gottes Geistesgegenwart für neue, kreative und unkonventionelle Wege; ggf. brauchen wir dafür gezielte Anreize, auch finanzielle. Dies möchte ich gerne mit Ihnen auf den Weg bringen.

Die Bischofswahl beinhaltet auch die Frage, wem Sie viel Macht und Einfluss in Ihrer Kirche anvertrauen. Als Kandidatin bin ich angefragt, ob ich mit dieser Macht, so ich sie denn bekomme, gut umgehen werde. Macht und Einfluss, ein Thema in Kirche, das wir besser nicht unter den Teppich kehren, sondern offen und ehrlich verhandeln sollten. Macht braucht Legitimation und viel Transparenz, und deshalb ist es gut, sie möglichst zu teilen. Dazu gehört, und dies sehe ich gerade als bischöfliche Aufgabe an, auf eine Balance der Machtverhältnisse der unterschiedlichen kirchenleitenden Organe bis hin zum Ältestenkreis bzw. Kirchengemeinderat hinzuwirken. Dazu ist eine gerechte Partizipationsmöglichkeit für alle, gerade auch die ehrenamtlich Mitarbeitenden entscheidend. Ohne das ehrenamtliche Engagement gäbe es die heutige Gestalt von Kirche nicht, wäre Kirche sehr viel ärmer. Ehrenamtlich Mitarbeitende zu unterstützen bei allen Aufgaben, die sie übernehmen, sie zu fördern und zu qualifizieren, dafür setze ich mich nachdrücklich ein.
Kirche als Gemeinschaft ist dann attraktiv, wenn sie offen und transparent ist, auf die Menschen innerhalb und außerhalb der Gemeinde hört und sich für andere engagiert. Evangelische Kirche hat eine Zukunft trotz aller anstehenden Veränderungen – da bin ich voller Hoffnung und Gottvertrauen. Ein Bischof, eine Bischöfin hat öffentlich einzutreten für die Sache Gottes und der Menschen gerade auch dann, wenn es unbequem und vielleicht schmerzhaft ist, weil es Gewohntes infrage stellt oder Veränderungen anmahnt. Er oder sie hat mit Lust und Leidenschaft für die Sache des Evangeliums zu werben – und mit Disziplin dafür zu arbeiten.
Von Bonhoeffer habe ich gelernt: wer Verantwortung übernimmt, wird immer auch schuldig werden und an die eigenen Grenzen stoßen. Es gibt auch die Geschichten, die von meinen Fehlern und Begrenzungen erzählen, und ich werde, in welchem Amt auch immer, Fehler machen und an Grenzen stoßen. So bin ich auf eine Gemeinschaft angewiesen, die mir hilft, mit meinen Fehlern und meiner Begrenztheit zu leben.

Siebentens bin ich Protestantin und daher zum Schluss nicht das Wetter, sondern der Wochenspruch: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ (Eph 2,19) Ich wäre gern nicht mehr Gast und Fremdling auf dieser Synode, sondern Mitbürgerin und Hausgenossin der badischen Landeskirche.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“